Die Palitzsch-Gesellschaft e.V. setzte sich in den vergangenen Jahren aktiv für die Beibehaltung des Astronomie-Unterrichtes in den sächsischen Schulen ein. Nach der Abschaffung des Faches im Jahre 2007 richtet sich unser Engagement auf die Wiedereinführung des Schulfaches. Wir unterstützen die:

Initiative „Pro Astro“

Folgender Artikel erschien im Informationsblatt der Palitzsch-Gesellschaft e.V.,
Jg. 10 (2009) Nr.5 (September / Oktober), S. 8 – 9)

Nachruf auf ein Highlight moderner Bildung – Das Unterrichtsfach Astronomie wäre im September 50 Jahre alt geworden

Von Lutz Clausnitzer

Wir Menschen sind Teil des Weltalls und gewissermaßen auch sein Produkt. Die meisten Atomkerne, aus denen jeder von uns besteht, wurden einst im Innern von Sternen und bei gewaltigen Sternexplosionen produziert. Dass daraus im Verlaufe von einigen Milliarden Jahren auch wir selbst entstanden, verdanken wir einer ganzen reihe glücklicher „kosmischer Umstände“. Wir nehmen das als selbstverständlich hin und werden fast nur noch durch unsere wichtigsten Lebensrhythmen, Tag / Nacht und die Jahreszeiten, erinnert, dass uns der Kosmos noch heute die fundamentalsten Lebensbedingungen diktiert und auch unsere Zukunft mitbestimmt. Ein solcher „Blick über den Tellerrand“ erzeugt Achtung vor der Natur und fördert das Umweltbewusstsein. Er weckt das Interesse an fächerübergreifenden Zusammenhängen und fördert die Selbstfindung des Menschen. Von diesen besonderen Bildungs- und Erziehungspotenzen der Himmelskunde wussten auch jene 100 Wissenschaftler, Lehrer und Amateurastronomen, die 1958 aus allen vier Besatzungszonen in die Treptower Sternwarte zum ersten Nachkriegskongress der deutschen Volksstern gekommen waren. Sie verabschiedeten einstimmig eine Resolution, nach der Astronomie deutschlandweit für alle Schüler als eigenständiges Unterrichtsfach eingerichtet werden sollte. Auf einer Tagung des Deutschen Kulturbundes wurde diese Forderung 1952 in Bautzen erneut formuliert und an das Ministerium für Volksbildung der DDR geschickt. Mit dem beginn der praktischen Weltraumfahrt 1957 ergab sich dann eine günstige Konstellation, die 1959 die Einführung des Faches mit einer Jahreswochenstunde in Klasse 10 ermöglichte. Nach schweren Anfangsjahren, in denen vor allem Geografie-, Physik- und Mathematiklehrer von heute auf Morgen Astronomie unterrichten mussten, stand im Laufe der Zeit in immer mehr Schulen eine Lehrerin oder eine Lehrer zur Verfügung, der sich durch umfassendes Selbst- oder ein Fernstudium dafür speziell qualifiziert hatte. Das in Dresden, Güstrow, Jena und Potsdam eingerichtete Zusatzstudium umfasste nicht nur Fachliches, sondern auch die recht spezifische Didaktik (Unterrichtsführung) der Astronomie und ein umfassendes Beobachtungspraktikum. Dass nun jede Schule einen „Astronomie-Verantwortlichen“ hatte, wirkte sich zudem positiv auf außerunterrichtliche Aktivitäten, wie Besuche von Sternwarten und Planetarien, Exkursionen und Projekte aus. Man war auf dem richtigen Weg. Ein Gutachten des Sächsischen Bildungsinstituts empfahl 2001 die „Beibehaltung und weitere Qualifizierung“ des Faches. Ein Jahr später geschieht das Unfassbare: Das Kultusministerium beschließt, das Fach in Sachsen 2007 auslaufen zu lassen und einen Teil der Unterrichtsinhalte in andere Fächer zu integrieren. Als der Beschluss bekannt wird, schreiben maßgebliche deutsche Wissenschaftsgremien nach Dresden. Das Fach sei hoch effizient, lernmotivierend und ein „Beispiel, welches im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen sollte“. Von dieser großen Wertschätzung zeugen 200 Briefe, die dem Kultusministerium und dem Landtag in Dresden seit 2002 geschrieben wurden. Eltern und Schüler sammeln 35000 Unterschriften und 100 Lehrerkollegien legen in 25 Sammelpetitionen 2500 Lehrerunterschriften gegen die Abschaffung des Faches vor. Das sind im Mittel 25 pro Schule, also bei weitem nicht nur Astronomielehrer. Daraufhin ließ der Sächsische Landtag in einer öffentlichen Expertenanhörung untersuchen, ob man astronomische Inhalte in einem eigenständigen Fach oder ausschließlich in anderen Unterrichtsfächern vermitteln sollte. Einer der geladenen Experten, Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, kommentiert später zurückblickend: „Der Ausgang der Befragung mit 7:2 gegen die Abschaffung beeindruckte die Regierungsparteien jedoch in keiner Weise. Der gefasste Beschluss wurde gegen den Willen der Mehrheit der Experten und der Betroffenen durchgesetzt. Das Ergebnis war auf Seiten der Gegner des Beschlusses eine weit über Sachsen hinaus greifende Initiative zur Einführung des Schulfaches Astronomie in ganz Deutschland. Einen entsprechenden sogenannten Professorenbrief unterzeichneten insgesamt 117 weltweit anerkannte Wissenschaftler. Der Eindruck, es handele sich um unverbesserliche DDR-Nostalgiker, konnte, konnte nicht aufkommen, denn 75 % der Unterzeichner stammen aus den alten Bundesländern, Österreich und der Schweiz“. Insbesondere ein Kultusminister sollte an einem „effizienten und lernmotivierenden“ Unterricht interessiert sein. Für Steffen Flath zählte jedoch weder die Meinung der Fachleute noch der Wille der Bevölkerung. Er benutzte seine Partei, um den massiv kritisierten Beschluss per Fraktionszwang durch den Landtag zu bringen. Eine ungeeignetere Weise, DDR-Geschichte aufzuarbeiten, ist schwer vorstellbar.
Die Auflösung des Faches Astronomie passt weder zu den anerkennenswerten Bemühungen des Ministeriums, in den anderen Naturwissenschaften wieder an das früher hierzulande übliche Niveau anzuschließen noch zu dem Bestreben, die Unterrichtsfächer durch fächerverbindende Elemente zu ergänzen.
Weiteres unter www.ProAstro-sachsen.de

aus früheren unterstützenden Aktivitäten des Vereins:

E-Mail vom 25. Januar 2007

Sehr geehrte Freunde naturwissenschaftlicher Bildung, sehr geehrte Förderer des Unterrichtsfaches Astronomie, obgleich allen Abgeordneten des Sächsischen Landtages aus vielen Gutachten, Studien, einer Anhörung im Landtag und zuletzt aus dem gesamtdeutschen Professorenbrief bekannt war, dass mit dem Wegfall des regulären Unterrichtsfaches Astronomie naturwissenschaftliche Bildung beschnitten wird, sorgten CDU- und SPD-Führung am 24. Januar 2007 per Fraktionszwang endgültig für dessen Liquidation. Die von Kultusminister Steffen Flath und den bildungspolitischen Sprechern dieser Parteien, Thomas Colditz und Martin Dulich, vorgetragenen Begründungen widersprechen sowohl sämtlichen vorhandenen Gutachten als auch den in Sachsen und darüber hinaus gesammelten Erfahrungen.
Wir erlebten im Landtag keine sachkompetente Entscheidung, sondern eine reine Machtdemonstration nach der Devise „Auf keinen Fall einen Fehler eingestehen!
Koste es, was es wolle.“ Ausgetragen auf dem Rücken der Schüler. Ob sich damit die Macht wirklich festigen lässt oder ob die zwei Parteien nicht eher ein Eigentor geschossen haben, wird 2009 der Wähler entscheiden. Immerhin haben Hunderttausende die näheren Umstände der Zwangsabschaffung des Faches jahrelang verfolgt und wissen sehr genau, wer dem sächsischen Bildungswesen diesen Sargnagel zugefügt hat.
Der aus NRW stammende Vorsitzende des Landesverbandes ProAstro-Sachsen, Heribert Heller, sprach gegenüber der Leipziger Volkszeitung von „einem großen Verlust für Sachsen.“
Liebe Schüler, liebe Eltern, liebe Mitstreiter, Ihr Engagement für den Erhalt des Faches war dennoch nicht umsonst. Ihr Kampf ist in ganz Deutschland bekannt geworden und hat viele Menschen motiviert, neu über Bildung nachzudenken. Unter www.ProAstro-Sachsen.de hat sich reichhaltiges Studienmaterial angesammelt, in welchem aufgeschlossene Bildungspolitiker über die pädagogischen Potenzen des Unterrichtsfaches Astronomie nachlesen können. Die Abgeordnete des Deutschen Bundestages Maria Michalk (CDU) schrieb schon 2003 an das Dresdner Kultusministerium: „Der Astronomieunterricht als selbstständiges Fach hat schon immer die lernfeldübergreifende Herangehensweise praktiziert, geübt und weiterentwickelt, die wir heute auf allen anderen Gebieten für unerlässlich halten und einführen. Die Verknüpfung von Technik, Mathematik, Philosophie, Geschichte und vieles mehr kann man besonders im Fach Astronomie nachvollziehen. Neugierde und Entdeckungslust werden geweckt.“ Freuen wir uns, dass wir dieses Potenzial 48 Jahre lang nutzen durften.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz Clausnitzer für den Landesverband ProAstro-Sachsen

Brief des Vereins:
Palitzsch-Gesellschaft e.V.
Am Anger 20
01237 Dresden (bitte beachten: alte Adresse, Haus ist zwischenzeitlich abgerissen worden)

Sächsischer Landtag
Petitionsausschuss
Bernhard-von-Lindenau-Platz 1
01067 Dresden

Dresden, 15.01.2004

Petition
Beibehaltung des Unterrichtsfaches Astronomie an Mittelschulen und Gymnasien im Freistaat Sachsen

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Bestürzug haben wir, die Mitglieder der Palitzsch-Gesellschaft e.V. vernommen, dass in den sächsischen Schulen die Astronomie als selbständiges Unterrichtsfach aufgelöst und inhaltlich in andere Fächer integriert werden soll.
Tatsächlich bezieht die moderne Astronomie große Teile ihres Grundwissens aus den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Geografie. Aber gerade deshalb muss die Astronomie als ein in sich geschlossenes Fach bestehen bleiben, denn sie hat nicht nur Grundkenntnisse und Begeisterung für die zahlreichen neuen Berufe der Kosmosforschung zu liefern, sondern muss nach wie vor als eines der wichtigsten Bildungsfächer angesehen werden. Wie sollen sich junge Menschen ein realistisches und in die Zukunft orientiertes Weltbild ohne ein abgerundetes Überblickswissen in Astronomie erarbeiten? Eine beharrliche Verbesserung der Allgemeinbildung an unseren Schulen ist nicht nur infolge der Ergebnisse der Pisa-Studie erforderlich.
Schon ein Blick in das aktuelle Angebot unserer Buchhandlungen lehrt uns das ebenso. Die Flut von Mond- und 100jährigen Kalendern, Horoskopen und astrologischem „Wissen“ aller Art übersteigt die Auslage astronomischer Literatur bei weitem.

Dem muss unser Schulsystem massiv entgegen wirken. Ein unterschwellig besetztes Schulfach Astronomie wäre hierfür nutzlos. Auch unser Verein bemüht sich um eine Vertiefung der naturwissenschaftlichen Bildung und speziell der Astronomie. Er kann aber, wie auch die vorhandenen Volks- und Privatsternwarten, die Schulbildung nicht ersetzen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir bitten Sie, bei den bevorstehenden Entscheidungen, die Astronomie als ein unersetzbares Bildungsfach mit mindestens der bisherigen Stundenzahl in den Lehrplänen der Mittelschulen und Gymnasien unbedingt zu erhalten.

Dr. Udo Mutze
Leiter des Palitzsch-Astro-Clubs
der Palitzsch-Gesellschaft e.V
Ingrid Körner
Vorsitzende
der Palitzsch-Gesellschaft e.V.